… warum individuelle Ausbildung unverzichtbar ist

Muskeln aufbauen, Bewegungsabläufe verbessern, Losgelassenheit entwickeln: Was auf den ersten Blick nach einem klaren Trainingsplan klingt, ist in der Praxis wesentlich komplexer. Denn kein Pferd bringt dieselben körperlichen, gesundheitlichen und mentalen Voraussetzungen mit. Und kein Reiter stellt dieselben Anforderungen an sein Pferd.

Immer wieder begegnet mir die Vorstellung, man könne Pferdeausbildung in ein standardisiertes Programm packen, das möglichst vielen Pferdebesitzern zur Verfügung gestellt wird. Eine feste Abfolge von Übungen, ergänzt durch Videos und Trainingsanweisungen, soll den Weg zum gewünschten Ergebnis vorgeben.

Digitale Angebote können durchaus wertvolle Impulse für die Ausbildung liefern. Sie können Wissen vermitteln, Zusammenhänge erklären und Pferdebesitzern helfen, ihre tägliche Arbeit bewusster zu gestalten.

Doch sobald es um die konkrete Ausbildung eines Pferdes geht, reicht ein allgemeingültiger Trainingsplan nicht mehr aus.

Warum? Weil jedes Pferd seine eigene Geschichte, seine individuellen körperlichen Voraussetzungen und seine ganz persönlichen Herausforderungen mitbringt.

1. Der Körper gibt die Voraussetzungen vor

Bevor ich über Muskelaufbau, Gymnastizierung oder die Verbesserung der Bewegungsqualität nachdenke, muss ich mir zunächst das Pferd ansehen.

Wie ist es gebaut? Wie ist seine Muskulatur entwickelt? Wo fehlen Kraft und Tragfähigkeit? Gibt es muskuläre Dysbalancen? Wie beweglich ist es, und wie gut kann es seinen Körper koordinieren?

Ein Pferd mit schwach entwickelter Rumpfmuskulatur benötigt andere Trainingsreize als ein Pferd, das bereits über eine gute Grundmuskulatur verfügt, sich aber noch nicht immer im Gleichgewicht bewegen kann.

Auch das Gebäude spielt eine Rolle. Körperliche Voraussetzungen beeinflussen, welche Bewegungen einem Pferd leichtfallen und wo es möglicherweise mehr Unterstützung benötigt.

Das bedeutet nicht, dass bestimmte Pferdetypen grundsätzlich weniger leistungsfähig wären. Es bedeutet vielmehr, dass wir ihre individuellen Voraussetzungen verstehen müssen, um sie sinnvoll auszubilden.

Nicht die Übung allein entscheidet über ihren Wert, sondern ob sie zum jeweiligen Pferd passt.

2. Die Vergangenheit eines Pferdes wirkt in seine Ausbildung hinein

Pferde bringen nicht nur einen Körper mit, sondern auch Erfahrungen.

Manche haben gelernt, sich unter dem Reiter zu verspannen. Andere reagieren empfindlich auf bestimmte Hilfen oder haben Schwierigkeiten, dem Menschen zu vertrauen. Wieder andere wurden über längere Zeit auf eine Weise geritten, die in ihnen bestimmte Bewegungsmuster verfestigt haben.

Solche Erfahrungen lassen sich nicht einfach durch neue Übungen ersetzen.

Ein Pferd, das sich aus Unsicherheit festhält, benötigt möglicherweise zunächst mehr Sicherheit und eine andere Herangehensweise als ein Pferd, das körperlich bereits in der Lage wäre, die gewünschte Bewegung/Lektion/Übung auszuführen.

Deshalb muss ich unterscheiden können: Kann das Pferd eine Aufgabe körperlich noch nicht erfüllen? Hat es die notwendige Bewegung noch nicht gelernt? Oder verhindern Anspannung, Unsicherheit oder bisherige Erfahrungen, dass es sich auf die Aufgabe einlassen kann?

Diese Fragen entscheiden darüber, wie ich mit einem Pferd arbeite.

3. Gesundheitliche Probleme müssen berücksichtigt werden

Auch die gesundheitliche Situation eines Pferdes beeinflusst, wie es trainiert werden kann.

Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder andere gesundheitliche Probleme können sich auf die Bewegungsqualität, die Muskulatur und das Verhalten unter dem Reiter auswirken.

Nicht jede Auffälligkeit ist ein Ausbildungsproblem. Und nicht jede Verspannung lässt sich durch Gymnastizierung lösen.

Deshalb gehört es zu einer verantwortungsvollen Ausbildung, Grenzen zu erkennen und bei entsprechenden Anzeichen tierärztliche oder andere qualifizierte fachliche Unterstützung hinzuzuziehen.

Ein Trainingsplan darf nicht dazu führen, dass ein Pferd Übungen absolvieren muss, obwohl zunächst geklärt werden sollte, ob es diese schmerzfrei ausführen kann.

Gutes Training beginnt nicht mit der Frage, welche Übung wir heute reiten, sondern damit, was das Pferd heute leisten kann und was es tatsächlich braucht.

4. Auch der Reiter ist Teil der Gleichung

Ein Pferd wird nicht unabhängig von seinem Reiter ausgebildet.

Wie gut kann der Mensch sitzen? Wie beweglich ist sein Becken? Kann er seine Hilfen gezielt und dosiert einsetzen? Wie gut gelingt es ihm, das Pferd nicht ungewollt in seiner Bewegung einzuschränken?

Diese Fähigkeiten beeinflussen unmittelbar, wie das Pferd auf die Hilfengebung reagiert und welche Bewegungsmöglichkeiten ihm unter dem Reiter tatsächlich zur Verfügung stehen.

Ein Reiter, der Schwierigkeiten hat, die Bewegung seines Pferdes auszusitzen, benötigt andere Unterstützung als ein Reiter, dessen Sitz bereits weitgehend ausbalanciert ist, der aber noch lernen muss, die Hinterhand des Pferdes gezielter zu aktivieren.

Auch die reiterlichen Fähigkeiten müssen deshalb in die Trainingsplanung einbezogen werden.

Es wäre wenig sinnvoll, einem Pferd eine anspruchsvolle gymnastizierende Aufgabe zu stellen, wenn der Reiter die dafür notwendige Hilfengebung noch nicht umsetzen kann.

In diesem Fall müssen wir zunächst die Voraussetzungen schaffen, damit Pferd und Reiter die Aufgabe gemeinsam bewältigen können.

5. Sattel, Hufe und Ausrüstung sind keine Nebensächlichkeiten

Wie sich ein Pferd bewegen kann, hängt nicht allein von seinem Trainingszustand ab.

Auch der Sattel muss zu Pferd und Reiter passen und darf die Bewegung nicht einschränken. Die Hufsituation, die Hufbearbeitung und gegebenenfalls die Beschlaggestaltung können ebenfalls Einfluss auf die Bewegungsqualität haben.

Wenn ein Pferd Schwierigkeiten hat, den Rücken frei zu bewegen, die Hinterhand aktiv einzusetzen oder sich unter dem Reiter auszubalancieren, muss deshalb auch das Umfeld betrachtet werden.

Nicht jedes Problem lässt sich durch eine Veränderung des Trainings lösen.

Manchmal müssen zunächst die Voraussetzungen verbessert werden, damit das Training überhaupt seine gewünschte Wirkung entfalten kann.

6. Ausbildung bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen

Die einzelnen Faktoren lassen sich nicht unabhängig voneinander betrachten.

Ein Pferd mit schwacher Rumpfmuskulatur kann Schwierigkeiten haben, seinen Körper unter dem Reiter zu stabilisieren. Wenn der Reiter zusätzlich ungünstig einwirkt oder der Sattel die Bewegung einschränkt, können sich diese Schwierigkeiten verstärken.

Das Pferd bewegt sich dann möglicherweise auf eine Weise, die weitere Probleme begünstigt. Werden lediglich einzelne Übungen wiederholt, ohne die Ursachen zu verstehen, bleibt der gewünschte Fortschritt häufig aus.

Deshalb besteht meine Arbeit nicht darin, möglichst viele Übungen vorzugeben.

Meine Aufgabe ist es, Zusammenhänge zu erkennen, die Situation des jeweiligen Pferde-Reiter-Paares zu beurteilen und daraus die passenden Trainingsschritte abzuleiten.

Das erfordert Wissen über Anatomie, Biomechanik, Muskulatur und Bewegungsabläufe ebenso wie Erfahrung in der Pferdeausbildung und im Reiten.

Vor allem aber erfordert es die Bereitschaft, jedes Pferd individuell zu betrachten.

7. Warum meine 6-Wochen-Challenge mehr ist als ein Trainingsplan

In meiner 6-Wochen-Challenge vermittle ich Wissen und Zusammenhänge, die Pferdebesitzern helfen sollen, ihr Pferd besser zu verstehen und seine Ausbildung bewusster zu gestalten.

Dabei geht es nicht einfach darum, Wochen lang vorgegebene Übungen abzuarbeiten.

Die Teilnehmer sollen lernen, genauer hinzusehen: Wie bewegt sich mein Pferd? Welche körperlichen Voraussetzungen bringt es mit? Wo liegen seine Schwierigkeiten? Was kann ich mit meiner reiterlichen Einwirkung verändern? Was kann ich wie vom Boden unterstützen? Und wann muss ich zunächst andere Voraussetzungen schaffen?

Denn dieselbe Übung kann bei einem Pferd sinnvoll sein, während sie ein anderes überfordert oder an seinem eigentlichen Problem vorbeigeht.

Deshalb müssen Trainingsinhalte immer im Zusammenhang mit dem jeweiligen Pferd, seinem Ausbildungsstand und den Fähigkeiten des Reiters betrachtet werden.

Ein strukturiertes Programm kann hierfür den Rahmen schaffen. Es kann Wissen vermitteln, den Blick schulen und Orientierung geben.

Es kann aber die individuelle Beurteilung nicht ersetzen.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen dem bloßen Befolgen eines Trainingsplans und einer Ausbildung, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen von Pferd und Reiter orientiert.

Mein Anspruch: Nicht das Pferd muss in das Programm passen

Ich möchte Pferdebesitzern vermitteln, dass es in der Pferdeausbildung nicht darum geht, ein vorgegebenes Schema möglichst konsequent durchzusetzen.

Es geht darum, zu verstehen, warum ein Pferd sich auf eine bestimmte Weise bewegt, welche Voraussetzungen es mitbringt und wie wir ihm helfen können, sich körperlich und mental weiterzuentwickeln.

Dafür braucht es Wissen, Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen.

Ein standardisiertes Programm kann Wissen vermitteln. Eine individuelle Ausbildung muss darüber hinausgehen.

Denn am Ende zählt nicht, ob ein Pferd alle Übungen eines Trainingsplans absolviert hat.

Entscheidend ist, ob es sich durch die Ausbildung positiv entwickelt, sich angemessen bewegen kann und der Reiter lernt, es dabei sinnvoll zu unterstützen.

Jedes Pferd verdient eine Ausbildung, die seine Individualität berücksichtigt. Nicht das Pferd muss in ein vorgegebenes Programm passen – das Training muss zum Pferd passen.

Das ist der Anspruch, der meiner Arbeit zugrunde liegt.

Dich interessiert meine 6-Wochen-Challenge? Informationen dazu findest Du hier

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Ich schreibe regelmässig über Pferdeausbildung, Reiten und die Zusammenhänge dahinter – aus 35 Jahren Praxis. Wenn Dich das interessiert, trage Dich gern ein.