Nicht nur sehen, was ein Pferd tut – sondern fragen, warum

Ich hatte ein altes Video von Armani aus dem Jahr 2023 auf Social Media veröffentlicht und wie immer Ursache und Wirkung erklärt. 2023 war er noch ein professioneller Durchgänger.
Nicht im Sinne von: Er läuft gelegentlich einmal los.
Wenn Armani Angst bekam, konnte es passieren, dass er komplett in seine alten Verhaltensweisen verfiel: Flucht. Und wenn ein Pferd in diesem Zustand den Kopf in einer bestimmten Position hat, den Hals festmacht und gegen die Einwirkung geht, ist die Situation nicht mehr mit einem einfachen „mehr Zügel“ zu lösen. Er gab Gas, war weg, nicht mehr anzuhalten – egal, ob man ihn an der Hand hatte oder drauf sass… er war gefährlich!
Unter dem Video kamen trotzdem genau die üblichen Kommentare: Warum reitet man ein Pferd mit Rückenproblemen? Warum ziehst du innen? Warum machst du dies oder jenes?
Eigentlich sind diese Kommentare für mich gar nicht das Interessante.
Interessant ist die Frage, warum erkennen immer noch sehr wenige Reiter die Entwicklung bis zu einer Situation oder Reaktion. Ein Durchgehen zeichnet sich – wie in dem Video zu erkennen – ab!
Viele sehen eine Bewegung – und machen daraus sofort eine Ursache.
Das Pferd hebt den Kopf: Es geht gegen die Hand / der Reiter hat eine harte Hand / der Reiter ist brutal.
Das Pferd rennt los: Der Reiter kann es nicht halten / der Reiter reitet schlecht.
Das Pferd spannt sich an: Es ist generell schlecht geritten.
Das Pferd wehrt sich: Es hat keinen Respekt / der Reiter ist überfordert.
Aber stimmt das wirklich?
Oder sehen wir gerade nur das Ende einer Situation, deren Anfang wir gar nicht erkannt haben?
Armani hatte eine Vorgeschichte. Er hatte gelernt, dass der Mensch auf seinem Rücken eine Bedrohung sein kann. Er hatte gelernt, dass Flucht eine Möglichkeit ist, dieser Bedrohung zu entkommen. Und er hatte erlebt, dass er, wenn er nicht mehr anzuhalten war, in die Wand geritten wurde.
Das verändert die Bedeutung seines Verhaltens vollständig.
Denn plötzlich lautet die Frage nicht mehr nur:
„Warum geht dieses Pferd durch?“
Sondern:
„Was musste dieses Pferd erlebt und gelernt haben, damit Durchgehen zu seiner Reaktion auf Angst werden konnte?“
Und genau deshalb bestand unser Weg 2023 nicht darin, Armani einfach irgendwie am Durchgehen zu hindern.
Wir mussten zurück auf Null.
Er musste lernen, dass ein fallengelassener Hals und ein langer Zügel nicht bedeuten: Jetzt kannst du losrennen.
Sondern:
Es ist alles gut. Du kannst loslassen. Du bist sicher. Du kannst mir vertrauen.
Das ist ein völlig anderer Ansatz.
Genau hier wird es für mich bei der Beurteilung von Pferden spannend.
Denn ein Pferd bringt immer eine Geschichte mit. Erfahrungen, Lernprozesse, körperliche Voraussetzungen, Muskulatur, Ängste, Schmerzen, Stress und Gewohnheiten beeinflussen, wie es sich in einer bestimmten Situation verhält.
Deshalb kann dieselbe Bewegung bei zwei Pferden etwas völlig Unterschiedliches bedeuten.
Ein hochgenommener Kopf ist nicht automatisch ein Problem der Hand – vor allem nicht, wenn das Pferd korrekt bemuskelt ist.
Ein durchgedrückter Rücken ist nicht automatisch eine generell fehlende Losgelassenheit – vor allem, wenn das Pferd gut bemuskelt ist.
Spannung ist nicht automatisch Ungehorsam.
Und Durchgehen ist nicht automatisch ein aktueller Reiterfehler – auch wenn es vielfach durch reiterliche Fehler verursacht wurde.
Es sind zunächst einmal Beobachtungen.
Die eigentliche Arbeit beginnt erst danach.
Warum passiert das?
Was war vorher?
Was verändert sich im Körper?
Wann beginnt die Spannung?
Was löst sie aus?
Was hat das Pferd gelernt?
Und welche Bedeutung hat eine bestimmte Situation für genau dieses Pferd?
Genau diesen Fragen gehen wir in meinem Beratungsgespräch gemeinsam nach. Anhand Deiner Videos und Fotos schauen wir uns an, warum Dein Pferd tut, was es tut – und was es tatsächlich braucht.
Das bedeutet nicht, dass jede Einwirkung richtig ist oder jede Reaktion des Reiters sinnvoll. Natürlich kann und soll man Reiten kritisch analysieren.
Aber eine ernsthafte Analyse beginnt nicht mit einem Urteil.
Sie beginnt mit einer Frage.
Warum?
Warum macht das Pferd das?
Warum verändert es seine Haltung genau in diesem Moment?
Warum wird aus Spannung plötzlich Flucht?
Warum funktioniert etwas bei diesem Pferd nicht, was bei einem anderen problemlos funktioniert?
Und was müsste man verändern, damit das Pferd überhaupt eine andere Antwort geben kann?
Vielleicht sollten wir uns genau das wieder angewöhnen:
Nicht sofort erklären, was wir sehen.
Sondern erst einmal wirklich hinsehen.
Denn wer nur das Verhalten beurteilt, sieht das Ergebnis.
Wer nach dem Warum fragt, beginnt vielleicht, das Pferd zu verstehen.
Auch aus dem, was ich von Armani in den letzten Jahren lernen durfte, ist mein neues Produkt der Knoten entstanden. Weitere Informationen dazu findest Du hier
Vor zehn Tagen habe ich auf Substack einen Wissensaccount eingerichtet. Auch da findest Du immer wieder interessante Kurzartikel und im Paid-Subscriber-Bereich auch viele konkrete Ausbildungstipps. Hier der Link dazu.
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Ich schreibe regelmässig über Pferdeausbildung, Reiten und die Zusammenhänge dahinter – aus 35 Jahren Praxis. Wenn Dich das interessiert, trage Dich gern ein.