Dabei ist es so wichtig, dass das Pferd sie richtig nutzen kann….

Die in gelb dargestellten Nerven habe ich nochmals zur Vereinfachung mit blauen Pfeilen versehen

Eine anatomische Zeichnung kann manchmal mehr erklären als hundert Diskussionen über „korrektes Reiten“.

Schau dir diese Abbildung einmal genau an.

Sie zeigt die Halswirbelsäule des Pferdes und den Verlauf der Nervenstrukturen in diesem Bereich und plötzlich wird sichtbar, was wir beim Reiten normalerweise nicht sehen können: Hinter dem Kopf, den wir aufrichten, dem Hals, den wir formen, und dem Genick, das wir „einstellen“, befindet sich ein hochkomplexes System aus Wirbeln, Gelenken, Muskulatur, Bändern und Nerven.

Und genau deshalb sollten wir sehr vorsichtig damit sein, den Hals des Pferdes ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der äußeren Form zu betrachten. Der Hals ist nämlich kein Griff, an dem man den Kopf des Pferdes in die gewünschte Position bringt.

Der Hals ist Teil des gesamten Bewegungssystems.

Wenn wir den Körper des Pferdes in seiner Bewegung beeinflussen, muss sich auch die Halswirbelsäule daran anpassen.

Das kann funktionieren bis zu einem gewissen Grad. Es kann aber auch zu Kompensation führen.

Wenn der Hals zum Ausgleichssystem wird

Ein Pferd bewegt sich nicht in voneinander unabhängigen Einzelteilen. Rücken, Rumpf, Hinterhand, Brustkorb und Hals arbeiten zusammen. Wird die Bewegung an einer Stelle eingeschränkt, muss der Körper diese Einschränkung irgendwo auffangen.

Genau hier wird es beim Reiten interessant.

Denn wir sehen immer nur die äußere Bewegung.

Wir sehen, dass ein Pferd „aufgerichtet“ läuft.

Wir sehen, dass es den Kopf hochträgt.

Wir sehen, dass es sich gegen die Hand wehrt oder immer wieder heraushebt.

Wir sehen ein extrem langsames Tempo.

Wir sehen einen durchhängenden Zügel.

Was wir nicht sehen, ist, warum das Pferd seinen Hals gerade so benutzt.

Und genau diese Frage ist entscheidend.

Ein Pferd kann sich aufrichten und dabei funktionell durch seinen gesamten Körper arbeiten.

Ein anderes Pferd kann äußerlich ebenfalls aufgerichtet aussehen, während es den Hals benutzen muss, um ein Defizit in Balance, Rückenbewegung oder Bewegungsfreiheit auszugleichen.

Von außen kann das ähnlich aussehen.

Im Körper kann es etwas völlig anderes bedeuten.

Das ist der entscheidende Unterschied

Nicht die Aufrichtung als solche ist das Problem.

Nicht ein langsames Tempo ist automatisch problematisch.

Nicht ein durchhängender Zügel macht ein Pferd krank.

Und auch ein Pferd, das sich einmal heraushebt, nimmt dadurch nicht automatisch Schaden.

Das Problem liegt in der wiederholten mechanischen Belastung und in der Frage, wie das Pferd diese Bewegung tatsächlich ausführt.

Wenn ein Pferd seinen Körper nicht frei organisieren kann und der Hals deshalb immer wieder als Ausgleich eingesetzt wird, wird aus einer einzelnen Bewegung ein Bewegungsmuster und aus einem Bewegungsmuster kann über lange Zeit eine wiederkehrende Belastung werden.

Das ist der Punkt, über den wir sprechen müssen.

Arthrose entsteht nicht „einfach so“

Bei diesem Thema wird schnell mit Begriffen wie Arthrose oder Stenose um sich geworfen. Deshalb muss man auch hier sauber bleiben.

Eine bestimmte Halsposition verursacht nicht automatisch Arthrose.

Arthrose ist ein komplexer degenerativer Prozess. Alter, individuelle Anatomie, Verletzungen, genetische Faktoren und mechanische Belastungen können dabei eine Rolle spielen, müssen sie aber nicht. Es wird jedoch genau das immer wieder als Argument verwendet: „Bei deeeeem Gebäudeee….“ Ein Satz, der mir die Haare zu Berge stehen lässt.

Genau deshalb ist es absurd, die mechanische Belastung des Pferdekörpers bei der Betrachtung einfach auszublenden.

Der Körper reagiert auf das, was wir ihm wiederholt zumuten.

Nicht einmal.

Nicht zehnmal.

Sondern über Monate und Jahre.

Wenn bestimmte Gelenke und Strukturen immer wieder auf bestimmte Weise belastet werden, können sich diese Strukturen verändern. Und degenerative Veränderungen an der Halswirbelsäule können wiederum die räumlichen Verhältnisse in Bereichen beeinflussen, in denen Nervenstrukturen verlaufen.

Hier kommt die Stenose ins Spiel.

Eine Stenose ist eine Verengung eines anatomischen Kanals oder einer Öffnung. Im Bereich der Wirbelsäule kann dadurch der Raum für Nervenstrukturen eingeschränkt werden.
Auch hier gilt: Eine solche Veränderung bedeutet nicht automatisch, dass ein Pferd klinische oder neurologische Symptome entwickeln muss.

Aber sie zeigt uns etwas sehr Wichtiges:

Die Strukturen im Hals arbeiten nicht unabhängig voneinander.

Und deshalb sollten wir auch die Bewegungen des Pferdes nicht isoliert betrachten.

Besonders interessant wird es bei Pferden, die sich ständig herausheben

Das ist ein Punkt, bei dem ich mir tatsächlich wünsche, dass wir im Reitsport viel genauer hinschauen.

Ein Pferd hebt den Kopf.

Der Reiter nimmt mehr Kontakt auf.

Das Pferd hebt den Kopf wieder.

Der Reiter korrigiert erneut.

Das Pferd wird noch stärker in die gewünschte Position gebracht.

Und irgendwann heißt es:

„Das Pferd muss einfach besser an die Hand.“

Aber stimmt das wirklich?

Oder versucht das Pferd gerade, mit einer Bewegung zurechtzukommen, die es so nicht ausführen kann?

Vielleicht fehlt die Balance.

Vielleicht fehlt die Kraft.

Vielleicht ist die Anforderung zu hoch.

Vielleicht ist der Rücken nicht frei.

Vielleicht passt die Einwirkung nicht zur Bewegung.

Vielleicht gibt es ein körperliches Problem.

Oder vielleicht ist es tatsächlich ein Ausbildungsproblem.

Wir wissen es nicht, wenn wir nur auf den Kopf schauen.

Was wir aber wissen: Ein Pferd, das seine Halsposition immer wieder verändert, gibt uns eine Information.

Und diese Information einfach wegzukorrigieren, ohne nach ihrer Ursache zu fragen, halte ich für einen sehr gefährlichen Denkfehler.

Denn dann trainieren wir unter Umständen nicht die Ursache weg.

Wir trainieren das Signal weg.


Was verschiedene Reitweisen mit diesem Thema zu tun haben

Hier wird es unbequem, denn bestimmte Reitweisen und Trainingsvorstellungen können dazu führen, dass der Hals des Pferdes besonders häufig als Ausgleichssystem eingesetzt wird.

Zum Beispiel dann, wenn eine Aufrichtung hergestellt werden soll, obwohl der Körper des Pferdes diese Aufrichtung (noch) nicht tragen kann.

Oder wenn der Rücken festgehalten wird und das Pferd dadurch nicht mehr frei durch den Rumpf schwingen kann.

Oder wenn ein Pferd gegen eine Einwirkung arbeiten muss und seinen Hals benutzt, um dieser Einwirkung auszuweichen.

Oder wenn extrem langsam geritten wird und dabei die natürliche Bewegungsdynamik des Pferdes so stark reduziert wird, dass das Pferd seine Balance auf andere Weise organisieren muss.

Und auch ein durchhängender Zügel ist kein Garant für biomechanische Freiheit. Ein Pferd kann mit losem Zügel wunderbar funktionell laufen. Es kann aber genauso gut mit losem Zügel ein Bewegungsmuster zeigen, bei dem der Hals einen erheblichen Teil der Balancearbeit übernimmt.

Der Zügel allein sagt uns darüber erstaunlich wenig.

Entscheidend ist immer der gesamte Körper.


Die unangenehme Frage lautet deshalb:

Was muss der Hals des Pferdes eigentlich alles ausgleichen?

Und noch wichtiger:

Wie oft muss er das tun?

Denn genau hier liegt der Unterschied zwischen einer einzelnen Bewegung und einem dauerhaft eingeprägten Bewegungsmuster.

Ein Pferd, das sich einmal gegen die Hand hebt, ist kein Problem.

Ein Pferd, das sich im Training immer wieder heraushebt, immer wieder korrigiert wird und immer wieder in dieselbe Position gebracht wird, verdient dagegen eine wesentlich genauere Betrachtung.

Nicht mit der Frage:

„Wie bekomme ich den Kopf wieder runter?“

Sondern mit der Frage:

„Warum muss das Pferd den Kopf überhaupt immer wieder hochnehmen?“

Das ist für mich der wesentlich interessantere Ansatz.


Wir müssen aufhören, nur die Form zu beurteilen

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass wir im Reitsport viel zu häufig eine äußere Form mit einer funktionellen Bewegung verwechseln.

Ein Pferd sieht „aufgerichtet“ aus – also muss es korrekt gehen.

Ein Pferd läuft langsam und sieht ruhig aus – also muss es entspannt sein.

Ein Pferd läuft mit lockerem Zügel – also muss es sich frei bewegen.

Ein Pferd hält den Kopf hoch – also muss es widersetzlich sein.

Aber keine dieser Schlussfolgerungen ist automatisch richtig.

Form ist kein Beweis für Funktion.

Und genau deshalb müssen wir lernen, genauer hinzusehen.

Wie bewegt sich der Rücken?

Wie verändert sich die Halsmuskulatur?

Wie organisiert das Pferd seine Balance?

Wie bewegt sich der Brustkorb?

Wie arbeitet die Hinterhand?

Wie verändert sich die Halsposition, wenn die Anforderung steigt?

Und vor allem:

Kann das Pferd die geforderte Bewegung tatsächlich aus seinem Körper heraus erzeugen – oder muss es sie über Kompensation irgendwie möglich machen?

Das sind die Fragen, die mich interessieren.

Denn das Pferd kann uns nicht zeigen, was gerade in seinem Wirbelkanal passiert.

Es kann uns aber sehr wohl zeigen, dass eine Bewegung schwierig ist.

Wir müssen diese Signale nicht dramatisieren.

Aber wir sollten sie verdammt ernst nehmen.

Wer genauer verstehen möchte, was hinter diesen unterschiedlichen Bewegungsmustern steckt …

… für den habe ich das Thema noch wesentlich genauer auseinandergenommen.

Ich werde zeigen, wie Aufrichtung, festgehaltener Rücken, Gegenhalten, durchhängender Zügel und extrem langsames Tempo biomechanisch unterschiedliche Situationen erzeugen können – und woran man beim eigenen Pferd erkennen kann, ob der Hals gerade als Kompensationssystem arbeitet.

Diesen vertiefenden Teil habe ich auf Substack veröffentlicht. Den Link dazu findest Du am Ende dieses Artikels

Dort geht es nicht mehr nur um die Frage, dass der Hals kompensieren kann, sondern vor allem darum, woran wir es erkennen und was wir daraus für unser Training ableiten können.

→ [Hier geht es zum vertiefenden Beitrag auf Substack]

Denn genau darum sollte es meiner Meinung nach gehen:

Nicht darum, dem Pferd eine möglichst perfekte äußere Form aufzuzwingen, sondern darum, ihm eine Bewegung zu ermöglichen, die sein Körper auch tatsächlich tragen kann und somit gesund erhält!!

Die Funktion sollte die Form bestimmen – niemals umgekehrt.

Auch ein solches Reiten wird im Laufe der Zeit zu einem gesundheitlichen Problem für das Pferd – und das nicht nur im Bereich der Halswirbelsäule….

Wenn Du also nicht nur verstehen möchtest, WAS wir passiert, sondern auch wissen möchtest, wie Du solche Situationen konkret beurteilen und lösen kannst, findest Du die vertiefende Problemlösung
im Paid-Bereich meines Substacks.


Teil 2: Wenn die Halswirbelsäule schmerzt…

Ich habe noch einen Teil 2 zu dieser Thematik verfasst. Dabei geht es um mögliche Beweungseinschränkungen, Ausfälle und Kompensationen und wie man damit umgehen kann/ das beim Reiten und Ausbilden berücksichtigen kann und sollte.
Diesen Artikel findest Du komplett auf Substack. Hier ist der LINK dazu.

Teil 3: Warum eine gute Muskulatur den Hals schützt…

Wir müssen immer in Zusammenhängen, Muskelketten und Ursachen denken. Eine gute Muskulatur am ganzen Körper schützt auch die Halswirbelsäule. In diesem Artikel auf Substack findest Du auch entsprechende Trainingstipps. Den Link findest Du hier

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Ich schreibe regelmässig über Pferdeausbildung, Reiten und die Zusammenhänge dahinter – aus 35 Jahren Praxis. Wenn Dich das interessiert, trage Dich gern ein.