…ist noch lange keine gesunde Bewegung!

Reiten mit Halsring – ist das die Alternative?

Der Verzicht auf Gebiss und Zügel sagt nichts darüber aus, ob ein Pferd seinen Körper unter dem Reiter biomechanisch sinnvoll einsetzen kann. Wer Halsringreiten als besonders pferdefreundlich bezeichnet, sollte deshalb genauer hinsehen. Denn entscheidend ist nicht, wie frei eine Reitweise aussieht, sondern was sie im Körper des Pferdes bewirkt.

Der Hals ist nicht vom Rücken zu trennen

Der Pferdehals ist weit mehr als eine Verbindung zwischen Kopf und Rumpf. Seine Stellung und Bewegung beeinflussen die gesamte Körpermechanik, die Balance und die Bewegung der Gliedmaßen. Über Muskeln, Bänder und Gelenke ist der Hals eng mit dem Rumpf und dem Rücken verbunden. Veränderungen der Kopf-Hals-Position können deshalb auch die Beweglichkeit der Wirbelsäule und die Schrittlänge beeinflussen. Das ist biomechanisch untersucht und keine Frage persönlicher Überzeugungen.

Die entscheidende Frage lautet: Kann das Pferd seinen Körper unter dem Reiter tatsächlich so bewegen, dass sein Rücken funktionell arbeiten kann, das Hinterbein ausreichend aktiv ist, das Pferd die Anlehnung suchen kann und die Bewegung physiologisch richtig durch den Körper geht, Muskeln ihrer Natur entsprechend genutzt werden?

Denn der Rücken soll nicht einfach nur irgendwie mitbewegt werden. Er muss die Bewegung der Vor- und Hinterhand koordinieren, Kräfte übertragen und das zusätzliche Gewicht des Reiters tragen. Dafür braucht das Pferd eine funktionierende Muskulatur, ausreichende Kraft, Koordination und Balance.

Ein Pferd, das seinen Rücken nicht angemessen stabilisieren und bewegen kann, wird nicht allein dadurch zu einem biomechanisch gut gerittenen Pferd, weil es ohne Gebiss und Zügel unterwegs ist.

Was bedeutet das für das Halsringreiten?

Beim Halsringreiten wird häufig grosser Wert auf die Freiheit des Pferdekopfes gelegt. Doch Bewegungsfreiheit allein ist noch kein Beleg für eine funktionelle Bewegung.

Der Kopf und Hals übernehmen beim Pferd wichtige Aufgaben für Gleichgewicht und Koordination. Ihre Stellung beeinflusst, wie sich der Rumpf bewegt und wie die Gliedmaßen eingesetzt werden. Gleichzeitig muss das Pferd das Gewicht des Reiters über seinen Körper ausbalancieren und die dabei entstehenden Kräfte muskulär bewältigen.

Es muss also genau hingesehen werden:

Wie bewegt sich der Rücken tatsächlich?

Wie arbeitet die Rumpfmuskulatur?

Wie werden die Bewegungen der Hinterhand auf den Rumpf übertragen?

Und wie verändert sich das Bewegungsbild unter dem Reiter?

Ein Pferd kann seinen Hals frei bewegen und trotzdem den Rücken nicht in der Weise nutzen, die für eine gesunderhaltende Belastung erforderlich wäre. Ein optisch entspanntes Pferd ist nicht automatisch ein Pferd, das sich biomechanisch günstig oder besser noch gesunderhaltend bewegt.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Der Denkfehler mit den vermeintlich besseren Alternativen

An dieser Stelle kommt häufig das Argument, Halsringreiten sei doch immer noch besser als andere Reitweisen. Doch damit wird die eigentliche Frage verfehlt.

Ob eine andere Art des Reitens ebenfalls problematisch ist, ändert nichts an den biomechanischen Anforderungen des Pferdekörpers. Ein Problem wird nicht dadurch gelöst, dass man auf ein anderes Problem verweist.

Wer wirklich pferdegerecht reiten möchte, sollte deshalb nicht zuerst fragen, welche Hilfsmittel verwendet werden oder wie frei das Pferd dabei aussieht. Er sollte sich fragen, ob die Bewegung, die er von seinem Pferd verlangt, unter den gegebenen Voraussetzungen überhaupt sinnvoll ausgeführt werden kann.

Denn auch ohne Gebiss kann man biomechanisch ungünstig reiten. Und auch ein Pferd, das scheinbar freiwillig mitmacht, kann körperlich überfordert sein.

Zeit, genauer hinzusehen

Es geht nicht darum, eine Reitweise durch eine andere zu ersetzen oder eine bestimmte Ausrüstung zum Mass aller Dinge zu machen. Es geht darum, die Zusammenhänge zwischen Anatomie, Muskulatur, Bewegung und Belastung zu verstehen.

Wer sich ernsthaft mit der Gesunderhaltung seines Pferdes beschäftigt, muss bereit sein, auch die Dinge zu hinterfragen, die sich gut anfühlen, gut aussehen oder gerade als besonders pferdefreundlich gelten.

Die entscheidende Frage ist nicht, wie viel Freiheit wir dem Pferd am Kopf lassen. Die entscheidende Frage ist, ob wir ihm ermöglichen, seinen Körper unter unserem Gewicht gesund und funktionell zu bewegen.

Und diese Frage sollte sich jeder stellen, bevor er eine Reitweise allein aufgrund ihres äusseren Erscheinungsbildes als pferdegerecht beurteilt.

Du bist unsicher über den Weg mit Deinem Pferd?

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