… Nicht immer ist das Pferd das Problem

„Wie bekomme ich mein Pferd endlich an den Zügel?“
„Warum ist es auf einer Hand so steif?“
„Warum galoppiert es nicht richtig an?“
„Wie bekomme ich es ruhiger?“
„Warum läuft es ständig auf die Vorhand?“
„Was kann ich tun, damit es nicht mehr buckelt oder sich verweigert?“
Wer sich in den sozialen Medien und Reiterforen umschaut, findet unzählige Fragen dieser Art. Und fast immer wird nach einer Übung, einer Methode oder einer bestimmten Hilfengebung gesucht.
Doch manchmal stellen wir die falsche Frage.
Denn bevor wir überlegen, wie wir das Verhalten des Pferdes verändern können, sollten wir uns fragen:
Warum verhält sich mein Pferd überhaupt so?
Ein Pferd, das den Kopf hochträgt, kann gegen die Hand gehen. Es kann aber genauso gut Schwierigkeiten mit Balance, Beweglichkeit oder Kraft haben. Ein Pferd, das auf einer Hand schlechter läuft, ist nicht einfach „stur“. Ein Pferd, das im Galopp ausfällt, muss nicht besser „durchgeritten“ werden. Und ein Pferd, das plötzlich buckelt, verweigert oder hektisch wird, sollte nicht automatisch als ungehorsam abgestempelt werden.
Wir machen es uns zu einfach, wenn wir immer zuerst den Fehler beim Pferd suchen.
Natürlich gibt es Pferde, die schlecht ausgebildet sind. Natürlich zeigen Pferde unerwünschtes Verhalten. Und natürlich müssen wir als Reiter manchmal konsequenter, klarer oder besser vorbereitet sein.
Aber genauso oft müssen wir selbst kritisch hinschauen.
Wie sitzen wir tatsächlich auf dem Pferd?
Sind unsere Hilfen eindeutig?
Sind wir wirklich unabhängig von der Bewegung des Pferdes?
Erzeugen wir möglicherweise selbst Spannung?
Verlangen wir etwas, das unser Pferd körperlich noch gar nicht leisten kann?
Oder übersehen wir vielleicht ein körperliches Problem, weil wir das Verhalten lieber als „Ungehorsam“ interpretieren?
Das ist unbequem.
Denn es ist wesentlich einfacher zu sagen:
„Mein Pferd ist schwierig.“
als zu fragen:
„Was trage ich dazu bei, dass diese Situation gerade schwierig ist?“
Dabei ist genau diese Frage für die Ausbildung so wichtig.
Ein Pferd kann nur mit den Möglichkeiten arbeiten, die ihm körperlich und mental zur Verfügung stehen. Es kann nicht auf Knopfdruck eine bessere Balance herstellen, mehr Kraft entwickeln oder eine Bewegung ausführen, die ihm Schmerzen bereitet.
Und auch wir Reiter sind Teil dieses Systems.
Unser Sitz, unsere Körperspannung und unsere Hilfengebung wirken unmittelbar auf das Pferd ein. Schon kleine Veränderungen können dazu führen, dass eine Bewegung plötzlich funktioniert – oder eben nicht.
Deshalb sollte nicht jede Schwierigkeit mit einer neuen Übung beantwortet werden.
Manchmal braucht das Pferd tatsächlich mehr Training.
Manchmal braucht es mehr Kraft.
Manchmal braucht es eine andere Ausbildung.
Und manchmal braucht es schlicht eine Pause, eine körperliche Abklärung oder eine Veränderung der Rahmenbedingungen.
Aber bevor wir das entscheiden können, müssen wir beobachten und verstehen, was tatsächlich passiert.
Denn das Pferd zeigt uns ständig Informationen:
Wie bewegt es sich?
Wo entsteht Spannung?
Welche Seite fällt ihm schwerer?
Wie verändert sich sein Bewegungsablauf?
Was passiert in den Übergängen?
Wann tritt das Problem auf – und wann nicht?
Und vor allem:
Was hat sich verändert?
Das sind wesentlich wichtigere Fragen als:
„Welche Übung muss ich jetzt machen?“
Gute Reiterei beginnt deshalb nicht mit der Korrektur des Pferdes.
Sie beginnt mit der Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen.
Nicht jede Schwierigkeit ist unsere Schuld. Aber wir sollten bereit sein zu prüfen, welchen Anteil wir selbst daran haben.
Denn wenn wir immer nur versuchen, das Pferd zu verändern, ohne unseren eigenen Anteil zu betrachten, behandeln wir möglicherweise nur das Symptom.
Wenn wir dagegen lernen, die Signale unseres Pferdes richtig zu lesen und unser eigenes Reiten genauso kritisch zu betrachten wie das Verhalten des Pferdes, entsteht etwas viel Wertvolleres:
echte Kommunikation.
Und genau dort beginnt für mich gute Pferdeausbildung.
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Ich schreibe regelmässig über Pferdeausbildung, Reiten und die Zusammenhänge dahinter – aus 35 Jahren Praxis. Wenn Dich das interessiert, trage Dich gern ein.