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“Das richtige Tempo entscheidet über Losgelassenheit oder Verspannungen.”

(Anne Schmatelka)

Das richtige Tempo…..

Schneller, fleißiger, aber nicht eilig, aktiv und tätig, langsamer, gesetzter, ruhiger oder schon schleppend …?!? Das richtige Tempo zu finden und zu reiten, scheint ein richtiges Problem! 

Man kommt viel in der Welt herum und überall scheint es – wie in fast allen Bereichen des Reitsportes – grundlegend unterschiedliche Meinungen über das grundlegend richtige Tempo beim Reiten zu geben. Oftmals wundert man sich, wie der ein oder andere zu seinen Erkenntnissen gekommen ist.

Das als Hintergrund….

Vor ein paar Wochen war ich zum Unterricht in einem Reitbetrieb und parallel fand Unterricht mit einer dreijährigen Remonte statt. Das Pferd schlich quasi durch das Viereck und die Reitlehrerin rief ständig laut über den Platz: „Ruhiger, ruhiger, Du bist viel zu schnell. Jetzt nimm doch mal den Zügel kürzer!!“
Irgendwann schlich das arme Tier zusammengezogen, schon fast rückwärts über den Platz und die Ausbilderin quittierte das mit einem zufriedenen: „So ist das jetzt endlich richtig. Jetzt ist er losgelassen, kann Last aufnehmen und sich setzen!“
„Aha“, habe ich mir gedacht … „Last aufnehmen, 3-jähriges Pferd setzen … losgelassen???“

Die Dame, die mich um Hilfe gebeten hatte, besitzt ein Pferd mit nicht unerheblichen Rückenproblemen, ist wenig bemuskelt, sehr dünn. Sie erklärte, ihr Pferd sei lustlos, hätte keine Bewegungsfreude mehr, wäre immer wahnsinnig triebig und würde sich entweder hinter dem Zügel verkriechen oder ginge gegen die Hand. 
Sie begann zu reiten und ritt in einem extrem langsamen Tempo ihr vollkommen verspanntes, fünf-jähriges Pferd. Ich versuchte ihr im Laufe der Unterrichtsstunde zu vermitteln, dass sie ihr Pferd fleißiger vorwärts reiten müsste, wenn es mit dem Hinterbein irgendwann wieder durchtreten, das Gebiss annehmen und der Rücken wieder zum Schwingen kommen sollte. Dazu müsste der Zügel sicherlich auch 20-30cm länger gelassen werden, damit das Pferd überhaupt die Möglichkeit haben könnte, erst einmal den Hals fallen zu lassen, denn das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass es den Rücken umverspannt nutzen kann…

Nachdem ich die Dame – in ihren Augen eine Stunde – über den Platz gescheucht hatte, meinte sie, ihr Pferd wäre noch nie so eilig gewesen. 
Richtigerweise bewegte sich das Pferd zum Ende der Stunde in einem fleißigen Arbeitstrab, ließ den Hals phasenweise fallen und schnaubte hin und wieder zufrieden ab. Es hatte sich vermutlich seit Jahren an dem Tag das erste Mal phasenweise loslassen können. Als sie abstieg, streichelte sie ihn erschöpft über die Hinterhand und war vollkommen verwundert, dass da alles so locker war…

Zwei Tage später besuchten wir ein ländliches Turnier und sahen uns ein paar Reiter an, die eine L-Dressur ritten. Die Prüfung dauerte laut Aufgabenheft 3,5 Minuten. Die Reiterin war jedoch schon nach knapp 2,5 Minuten fertig. Es war schon eine ausgesprochen „flotte Angelegenheit“. 
Der Richter bezeichnete das Pferd als ausgesprochen fleißig …
Mit der Aussage des Richters, der das vollkommen übereilte Pferd sicherlich nett umschreiben wollte, tat er der Reiterin in meinem Augen keinen Gefallen. Wenn sie durch die nächste Prüfung „stürzt“, wird sie mit viel Pech noch einen Zahn zulegen und die Prüfung dann unter zwei Minuten schaffen. Das Pferd wird irgendwann dauerhaft so verkrampft sein, dass das zu gesundheitlichen Schäden führt und keiner wird verstehen, warum… es war doch immer so fleißig…

Wie kommt es zu so grundlegend unterschiedlichen Auffassungen?

Das korrekte Tempo reiten zu können, heißt fühlen und erkennen zu können, wann der Rücken des Pferdes zum Schwingen kommt, wann es sich loslässt und zufrieden mit pendelndem Schweif abschnaubt. Das zu ergründen fällt vielen Reitern nicht ganz leicht, da in der Mitte nicht selten einer steht, dass das auch nicht einzuschätzen weiß. Wenn der Ausbilder einem nicht auf die Momente hinweist, wenn es richtig ist, wird sich das Gefühl über richtig und falsch meist nicht einstellen. Da die Pferde heute größtenteils sehr schwungvolle Bewegungen haben, fällt es vielen Ausbildern offensichtlich auch schwer, schwungvoll von exaltiert und fleißig von eilig oder auch versammelt von schleppend zu unterscheiden. 

Solange Pferde unbelastet auf der Weide traben, werden sie mit den Hinterbeinen je nach Veranlagung entweder schlaff oder leicht federnd über den Boden treten, jedoch werden sie weniger aus der Hinterhand schieben, denn dazu gibt es keine Anlass. Beim Reiten ist es anders. Da lernt das Pferd – oder sollte es zu Beginn seiner Ausbildung lernen – das Hinterbein aktiv zu benutzen. Dazu muss man es fleißig vorwärts reiten. Dabei gibt es zwischen fleißig und eilig einen immensen Unterschied:
Ist das Tempo zu hoch, wird das Pferd eilig, kommt ans Laufen, der Rücken nicht zum Schwingen und das Pferd trotz allen Tempos auf die Vorhand. Es wird das Gebiss nicht annehmen und sich davon auch nicht abstoßen, denn auch das ist ab einem gewissen Grad an eiligem Tempo nicht mehr möglich. 

Die richtige Kombination aus Vorwärts an die Hand herantreiben, damit das Pferd das Gebiss annehmen kann, korrektes Zügelmaß und Halben Paraden, die unter anderem auch der Genickkontrolle, Hinterhandkontrolle und Tempokontrolle dienen, machen aus einem eiligen Pferd ein Pferd, das aktiv abfußt und mit tätiger Hinterhand schwungvoll vorwärts geht. 

Das Hauptproblem vieler Reiter ist, dass sie nicht fühlen gelernt haben, wann der Rücken des Pferdes zum Schwingen kommt.. 

Das ist der Weg!

Bei einer richtigen Ausbildung entwickelt man im ersten Schritt die Schubkraft und die kommt aus dem fleißigen Vorwärtsreiten, bei dem das Pferd lernt, kräftig vom Boden abzufußen. Das heißt, der Reiter veranlasst das Hinterbein des Pferdes durch Treiben in Verbindung mit Halben Paraden zu aktivem Abfußen und Durchtreten. Dadurch wird die Hinterhand tätig. Das ist das erste, was ein dreijähriges Pferd lernen sollte. Das macht man dann sicherlich über ein bis zwei Jahre. “Setzen” oder versammeln oder auch „ruhiger Reiten“ muss man in dieser Ausbildungsphase noch gar nichts! 

Der Schwung entsteht durch den kraftvollen Schub aus der Hinterhand und der im weiteren Verlauf einer guten Ausbildung entwickelten Fähigkeit die Hinterhandgelenke zu beugen. Der Schwung entsteht durch das federnde Abstoßen der Hinterbeine vom Boden. Wenn man es richtig macht, wird aus einem Pferd mit einem – wie man es so schön sagt – normalen Trab mit der Zeit ein schwungvoller und ausdrucksvoller Trab. 
Nicht jedes Pferd bringt schwungvolle Bewegungen von Natur aus mit, aber jedes Pferd kann das bis zu einem gewissen Grad erlernen, wenn es dazu die notwendige Kraft aufbauen konnte und unter anderem in der Rippenpartie entsprechend geschmeidig ist. 
Um den Trab zu verbessern und schwungvoller zu machen bietet es sich dann auch an, die Rippengeschmeidigkeit zu verbessern, am Geraderichten kontinuierlich zu arbeiten, häufige Übergänge und Tempounterschiede einzubauen und immer wieder im fleißigen Galopp und Trab vorwärts zu reiten … fleißig, aber eben nicht eilig …. 

In jeder Reitstunde zwei- bis dreimal ein bis zwei lange Seiten Tritte verlängern zu reiten hilft, das Pferd dazu zu veranlassen, an das Gebiss heranzutreten. Das geht aber nur, wenn das Pferd die halben Paraden annimmt, die alle zwei bis drei Tritte oder Sprünge am äußeren Zügel gegeben werden und mit einem gefühlvollen Nachgeben der inneren Hand enden sollten. Nachgeben heißt, dass es sich dabei um ein bis zwei Zentimeter handelt und nicht darum, den Zügel 20-30 cm hektisch nach vorne zu schmeißen und dann in der gleichen Geschwindigkeit wieder nach Hinten zu ziehen. Das tut dem Pferd im Maul weh, die Anlehnung geht verloren und das Pferd wird unsicher, entwickelt schnell Angst vor der unruhigen Reiterhand. 

Bevor das Pferd den Ausbildungsstand der Klasse L oder wie man es früher nannte die Campagneschule erreicht hat, sollte man Arbeitsstrab, Arbeitsgalopp, Tritte und Sprünge verlängern bis hin zu Mitteltrab und Mittelgalopp reiten. Das Wort Versammlung kann man in der Zeit aus dem Wortschatz streichen.

Wie definiert man dann „fleißig und eilig“ oder „aktiv und tätig“?

Alles Worte, die in der heutigen Welt reiterlicher Begrifflichkeiten nicht mehr klar definiert sind und so zu Missverständnisse führen.
Ich selbst verwende viel den Ausdruck “aktives Hinterbein oder kraftvolles abfassen”, denn das ist nicht gleich schnell, nicht vorwärts und auch nicht unbedingt fleißig. Es ist aktiv/kraftvoll und bedeutet auch “tätig”.  Auch muss man vor allem bei jungen Pferden aufpassen, dass man nicht vor lauter fleißig und schwungvoll und vorwärts eben zu schnell reitet.

Man kann sagen: Wenn sich das Pferd loslässt, ist das Tempo immer richtig. Loslassen kann sich nur ein innerlich und äußerlich entspanntes Pferd, bei dem alle Muskeln richtig an- und abspannen. Wenn der Rücken zum Schwingen kommt, das Pferd aktiv abfußt und fleißig vorwärts geht, dann sucht es die Anlehnung am Gebiss. Losgelassene Pferde haben einen ruhig pendelnden Schweif. Sie schnauben immer wieder entspannt ab.

Somit kommt man auch beim richtigen Tempo einmal wieder auf die Losgelassenheit. Sie steht auch hier wieder im Mittelpunkt aller Betrachtungen. 

Man kann das richtige Tempo auch an der Fußfolge des Pferdes erkennen. Wenn zum Beispiel in den Trabverstärkungen die Hinterbeine – wie man es nicht selten sieht – sich schleppend bewegen und die Vorderbeine exaltiert nach oben geworfen werden, dann ist das Pferd übereilt, verspannt sich, zieht mehr aus der Vorhand, als dass es aus der Hinterhand schieben könnte.

Wenn die Pferde dann das Gebiss annehmen, der Rücken als Bewegungszentrum zum Schwingen kommt, dann lassen sie sich los und sind zufrieden bei und mit „dem richtigen Tempo“ 

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