Ein Pferd kann gut bemuskelt sein – und trotzdem nicht locker sein.

Pferd von hinten gesehen auf einem Sandplatz, die Reiterin in weisser Bluse reitet auf eine Reihe belaubter Bäume zu

Wenn es um die Gesundheit und Belastbarkeit eines Pferdes geht, sprechen wir viel über Muskulatur. Darüber, welche Muskeln aufgebaut werden müssen, wie das Pferd korrekt trainiert wird und wie wichtig eine gute Oberlinie ist.

Und ja: Muskulatur ist wichtig. Sehr wichtig sogar.

Aber wir machen einen entscheidenden Fehler, wenn wir den Körper eines Pferdes betrachten, als würde er unabhängig von seinem Nervensystem funktionieren.

Körper und Psyche sind ein System. Und dieses System schließt auch das Immunsystem mit ein. Chronischer oder starker Stress kann nicht nur Muskelspannung, Bewegungskoordination und Körperhaltung beeinflussen, sondern sich auch negativ auf die Immunfunktion auswirken.

Ein Pferd kann deshalb hervorragend bemuskelt sein und sich trotzdem in bestimmten Situationen festhalten, verspannen und seine Bewegungsqualität verlieren. Dafür muss nicht einmal eine grobe oder falsche Einwirkung des Reiters verantwortlich sein.

Überforderung, Unsicherheit, Angst, schlechte Erfahrungen oder die Erinnerung an eine schmerzhafte Situation können dazu führen, dass ein Pferd auf bestimmte Anforderungen bereits körperlich mit Spannung reagiert.

Auch ein Schmerzgedächtnis kann dabei eine Rolle spielen. Das Pferd muss sich nicht bewusst an eine Situation erinnern. Bestimmte Bewegungen oder Anforderungen können mit einer unangenehmen Erfahrung verknüpft sein – und das Pferd reagiert, bevor die eigentliche Bewegung überhaupt richtig begonnen hat.

Es macht sich fest, blockiert den Rücken, verändert seine Koordination, tritt kürzer oder vermeidet eine Bewegung.

Und manchmal sieht das am Ende sogar wie eine Lahmheit aus.

Natürlich muss eine Lahmheit veterinärmedizinisch abgeklärt werden. Schmerzen dürfen niemals einfach mit „psychischer Anspannung“ erklärt oder wegtrainiert werden.

Aber genauso wenig können wir die mentale Situation des Pferdes aus der körperlichen Betrachtung herauslassen.

Ein Pferd kann körperliche Schmerzen haben. Es kann sich aber auch durch Stress und Überforderung so stark verspannen, dass seine Bewegung deutlich eingeschränkt ist. Und beides kann gleichzeitig existieren.

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht nur:

„Hat das Pferd genug Muskulatur?“

Sondern:

„Was macht dieses Pferd mit seinem Körper – und warum?“

Ein Pferd kann einen beeindruckenden Rücken haben und trotzdem unter dem Reiter permanent auf Spannung laufen. Es kann eine kräftige Hinterhand besitzen und beim Angaloppieren den Rücken festmachen, weil es diese Bewegung mit einer früheren unangenehmen Situation verbindet.

Äußerlich kann es athletisch und gut trainiert aussehen – und sich trotzdem in einer bestimmten Situation plötzlich steif, klemmig oder auffällig bewegen.

Dann reicht es nicht, nur nach dem fehlenden Muskel oder der falschen Bewegung zu suchen.

Wir müssen fragen:

Was erlebt das Pferd gerade?

Ist die Anforderung zu hoch? Kann es die Aufgabe körperlich bewältigen? Kommen alte Muster hoch? Erwartet es Schmerzen? Oder entsteht die Spannung vielleicht erst durch unsere Einwirkung?

Das sind keine esoterischen Fragen. Es geht um die Wechselwirkung zwischen Nervensystem, Bewegung, Erfahrung und körperlicher Belastung.

Und genau dieser Zusammenhang wird im Pferdesport noch immer erstaunlich häufig ausgeblendet.

Wir sprechen über Muskelaufbau, Oberlinie, Tragkraft und korrektes Training – und vergessen dabei, dass Bewegung immer auch eine Reaktion des gesamten Organismus ist.

Ein Pferd bewegt sich nicht nur mit seinen Muskeln. Es bewegt sich mit seinem gesamten Nervensystem.

Genau deshalb reicht es für mich nicht, ein Pferd nur äußerlich zu beurteilen oder ein sichtbares Problem mit einer weiteren Übung korrigieren zu wollen.

Wenn ein Pferd beispielsweise beim Angaloppieren den Rücken festmacht, den Kopf hochreißt oder sich heraushebt, interessiert mich nicht nur, wie ich dieses Verhalten abstellen kann.

Mich interessiert, warum es entsteht.

Was hat das Pferd gelernt? Was hat es körperlich erlebt? Was erwartet es in diesem Moment? Wo beginnt die Spannung? Und was verändert sich, wenn die Anforderung steigt?

Das ist der Kern meines ganzheitlichen Ansatzes.

Nicht jedes Problem hat dieselbe Ursache. Und nicht jede körperliche Reaktion ist psychisch bedingt. Aber wenn wir das Pferd wirklich verstehen wollen, dürfen wir Körper, Bewegung, Nervensystem und Erfahrung nicht künstlich voneinander trennen.

Wir müssen lernen, das Pferd als Ganzes zu betrachten.

Denn manchmal ist die Muskulatur nicht das Problem.

Manchmal zeigt sie uns nur, dass irgendwo anders im System ein Problem entstanden ist.

Und genau dort beginnt für mich die eigentliche Arbeit mit dem Pferd.

Das zu ergründen ist immer einer der grossen Bestandteile meiner Arbeit. Ob in der 6-Wochen-Challenge, in der wir immer die zusammenhänge betrachten oder ob in meinen individuellen Fortbildungen wie die 6-Wochen-Challenge Spezial.

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