Whataboutismus im Pferdesport – oder: Warum wir endlich wieder auf das eigene Pferd schauen sollten

Ganzheitlich. Gesunderhaltend. Zusammenhänge verstehen.
Ich weiß nicht, ob es schon immer so war. Aber in den letzten Jahren fällt mir im Pferdesport ein Phänomen immer deutlicher auf: Whataboutismus.
Sobald Kritik am eigenen Vorgehen geäußert wird, geht es plötzlich nicht mehr um die ursprüngliche Frage. Stattdessen wird auf andere gezeigt.
„Aber die machen es doch noch viel schlimmer.“
Und schon muss man sich mit dem eigenen Handeln nicht mehr auseinandersetzen.
Dabei spielt es keine Rolle, ob wir über den internationalen Sport, ambitionierte Amateure oder Freizeitreiter sprechen. Fehler, problematische Entwicklungen und schlechte Ausbildung finden wir heute in nahezu allen Bereichen des Pferdesports.
Aber eines sollten wir uns ehrlich fragen:
Was genau hilft es meinem Pferd, wenn jemand anderes sein Pferd noch schlechter behandelt, ausbildet oder reitet als ich?
Die Antwort ist eigentlich ganz einfach:
Nichts.
Der Fehler der anderen macht das eigene Vorgehen nicht besser

Egal, wie andere Pferde aussehen, dieses Pferd hat faktisch ein muskuläres Problem….
Ein international erfolgreicher Reiter kann auf den übergewichtigen Freizeitreiter zeigen, dessen Pferd stundenlang auf der Vorhand durch das Gelände läuft.
Der Freizeitreiter kann wiederum auf den internationalen Sport zeigen und sagen:
„Dort geht es doch nur um Erfolg, Geld, Medaillen und Sponsoren. Das Pferd ist doch nur Mittel zum Zweck.“
Und beide können vielleicht Beispiele finden, die ihre Sichtweise bestätigen.
Aber während sich alle gegenseitig erklären, warum die jeweils anderen es noch schlechter machen, gerät etwas völlig aus dem Blick:
Das eigene Pferd.
Sein Körper.
Seine Muskulatur.
Seine Bewegung.
Sein Verhalten.
Seine Belastbarkeit.
Und die Frage, ob das, was wir täglich mit ihm tun, tatsächlich dazu beiträgt, dass es langfristig gesund bleibt.
Genau hier beginnt für mich ein wirklich ganzheitlicher Blick auf das Pferd.
Nicht:
„Wer macht es schlimmer?“
Sondern:
„Was sehe ich an meinem Pferd – und was könnte damit zusammenhängen?“
Erfolg ist kein Beweis für gute Ausbildung
Besonders problematisch wird es, wenn sportlicher Erfolg als Beweis für die Qualität einer Ausbildung herangezogen wird.
Nach dem Motto:
„XY ist erfolgreich. Also kann das, was XY macht, nicht falsch sein.“
Oder:
„Mein Trainer hat große Erfolge. Der muss es doch wissen.“
Aber müssen wir hier nicht genauer hinschauen?
Denn sportlicher Erfolg beantwortet zunächst einmal nur eine Frage:
War jemand in einer bestimmten Disziplin erfolgreich?
Er beantwortet nicht automatisch die Frage:
Wurde das Pferd gesunderhaltend ausgebildet?
Ist seine Muskulatur langfristig sinnvoll entwickelt?
Ist es körperlich in der Lage, die geforderte Leistung gesund zu erbringen?
Bleibt es durch diese Ausbildung langfristig belastbar?
Und genau hier wird es unbequem.
Denn hohe Lektionen irgendwie zusammenreiten zu können, spricht sicherlich für eine gewisse technische Fähigkeit. Aber es ist nicht automatisch der Beweis dafür, dass ein Pferd korrekt, pferdegerecht und gesunderhaltend ausgebildet wurde.
Wenn wir bei einem Pferd deutliche muskuläre Probleme erkennen, wenn Bewegungsmuster auffällig sind oder wenn der Körper zeigt, dass Belastungen möglicherweise nicht sinnvoll verarbeitet werden, dann sollte es uns nicht beruhigen, dass dieses Pferd trotzdem Schleifen, Medaillen oder hohe Platzierungen gewonnen hat.
Erfolg und Gesunderhaltung sind nicht automatisch dasselbe.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Zusammenhänge, die wir im Pferdesport endlich wieder verstehen müssen.
Das Pferd besteht nicht aus einzelnen Problemen
Ein Pferd ist nicht nur seine aktuelle Leistung.
Es ist nicht nur seine Rittigkeit.
Es ist nicht nur sein Ergebnis auf dem Turnier.
Und es ist auch nicht nur die Frage, ob der Tierarzt bisher noch nichts beanstandet hat.
Ein Pferd ist ein komplexes Gesamtsystem.
Wie es sich bewegt, hängt mit seiner Muskulatur zusammen.
Die Muskulatur hängt mit der Art der Belastung zusammen.
Die Belastung hängt mit dem Training zusammen.
Das Training hängt wiederum mit den Fähigkeiten des Reiters zusammen.
Aber auch Sattel, Hufe, Haltung, Fütterung, Regeneration, Vorerkrankungen und viele weitere Faktoren können eine Rolle spielen.
Ganzheitlich zu denken bedeutet deshalb nicht, für alles irgendeine Ausrede zu finden.
Ganz im Gegenteil.
Ganzheitlich zu denken bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen und nicht nur einzelne Symptome isoliert zu betrachten.
Wenn ein Pferd sich verändert, sich anders bewegt, bestimmte Lektionen nicht mehr gerne ausführt, immer wieder muskuläre Probleme zeigt oder sich sein Körper sichtbar verändert, dann reicht es nicht, einfach zu sagen:
„Das liegt eben an seinem Gebäude.“
Oder:
„Der Tierarzt hat bisher nie etwas gesagt.“
Oder:
„Mein Pferd ist doch immer motiviert.“
Die entscheidende Frage müsste vielmehr lauten:
Warum ist das so?
Und:
Was hängt möglicherweise damit zusammen?
Wir brauchen wieder mehr Selbstkritik
Vielleicht ist eines der größten Probleme unserer Zeit, dass immer weniger Menschen bereit sind, sich selbst wirklich kritisch zu hinterfragen.
Das eigene Vorgehen wird abgesichert durch Aussagen wie:
- „XY macht das auch so und ist die erfolgreichste Reiterin der Welt.“
- „Mein Trainer hat große Erfolge, der muss es ja wissen.“
- „Mein Pferd ist damit uralt geworden und läuft immer noch.“
- „Meine Trainerin sagt, dass das richtig ist.“
- „Mein Pferd ist immer motiviert und ansonsten total gechillt.“
- „Du hast doch selbst keine Reitkappe auf.“
- „Wer mit Sperrriemen reitet, sollte über korrektes Reiten nicht reden.“
- „Du bist doch sowieso nur frustriert und willst hetzen.“
- „Mein Pferd ist nicht falsch bemuskelt, es hat einfach ein anderes Gebäude.“
- „Man kann Muskulatur nicht auf alle Pferde übertragen.“
- „Woher willst du das wissen? Du reitest doch nur vorwärts-abwärts.“
- „Mein Tierarzt hat noch nie gesagt, dass etwas nicht stimmt.“
- „Wenn im internationalen Sport schlecht geritten würde, würden Tierärzte und Therapeuten das doch sagen.“
Und natürlich ließe sich diese Liste nahezu endlos fortsetzen.
Das Problem an diesen Argumenten ist nicht, dass jede Aussage grundsätzlich falsch sein muss.
Das Problem ist, wenn sie dazu benutzt werden, eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Pferd und dem eigenen Handeln von vornherein zu beenden.
Denn dann geht es nicht mehr darum, etwas zu verstehen.
Dann geht es nur noch darum, recht zu behalten.
Kritik ist nicht automatisch ein Angriff
Ein weiterer problematischer Zusammenhang zeigt sich besonders deutlich in den sozialen Medien.
Heute findet nahezu jeder für nahezu jede Meinung eine passende Gruppe von Menschen, die diese Meinung bestätigt.
Man bewegt sich in der eigenen Bubble.
Diejenigen, die das eigene Vorgehen gutheißen, bestätigen sich gegenseitig.
Und sobald jemand kritische Fragen stellt, wird diese Person schnell zum Gegner erklärt.
Dabei wird häufig gar nicht mehr darüber gesprochen, ob eine Beobachtung oder ein Argument fachlich nachvollziehbar ist.
Stattdessen wird die Person angegriffen, die es ausspricht.
Man kann über ihre Motivation diskutieren.
Über ihren Ton.
Über ihre Vergangenheit.
Über ihre Ausrüstung.
Über ihre Reitweise.
Über alles – nur möglichst nicht über die eigentliche Frage.
Auch das ist Whataboutismus.
Und auch das führt uns keinen einzigen Schritt weiter.
Denn eine fachliche Aussage wird nicht dadurch falsch, dass derjenige, der sie ausspricht, an anderer Stelle selbst Fehler macht.
Und umgekehrt wird das eigene Vorgehen nicht dadurch richtig, dass man beim Kritiker ebenfalls etwas findet, das man kritisieren kann.
Wir alle machen Fehler.
Die entscheidende Frage ist, was wir daraus machen.
Gesunderhaltung beginnt nicht erst, wenn das Pferd krank ist
Vielleicht müssen wir im Pferdesport grundsätzlich umdenken.
Wir warten häufig darauf, dass etwas eindeutig krank ist.
Dass ein Pferd lahmt.
Dass eine Diagnose gestellt wird.
Dass der Tierarzt sagt: Jetzt haben wir ein Problem.
Aber Gesunderhaltung sollte viel früher beginnen.
Sie beginnt mit Beobachtung.
Mit der Bereitschaft, Veränderungen wahrzunehmen.
Mit der Frage, warum sich ein Pferd bewegt, wie es sich bewegt.
Warum sich Muskulatur verändert.
Warum bestimmte Probleme immer wieder auftreten.
Warum eine Übung funktioniert – oder eben nicht funktioniert.
Und vor allem:
Was könnte miteinander zusammenhängen?
Ein ganzheitlicher Blick bedeutet deshalb nicht, dass wir für jede Veränderung sofort eine endgültige Erklärung haben müssen.
Aber er bedeutet, dass wir bereit sind, hinzuschauen, Fragen zu stellen und unser eigenes Vorgehen immer wieder zu überprüfen.
„Aber die anderen machen es doch noch schlechter“ hilft keinem Pferd
Vielleicht sollten wir uns deshalb bei jeder Diskussion zuerst eine einfache Frage stellen:
Was hat das mit dem Pferd vor mir zu tun?
Wenn ich mein eigenes Vorgehen nicht hinterfrage, hilft es meinem Pferd nicht, dass irgendwo ein anderes Pferd noch schlechter geritten wird.
Wenn mein Training problematisch ist, wird es dadurch nicht besser, dass ein internationaler Spitzenreiter vielleicht ebenfalls oder sogar noch gravierendere Fehler macht.
Und wenn im internationalen Sport Dinge passieren, die wir kritisch sehen müssen, dann wird dieses Problem nicht dadurch kleiner, dass wir auf schlecht gerittene oder schlecht gehaltene Freizeitpferde zeigen.
Zwei Probleme heben sich nicht gegenseitig auf.
Das Gegenteil ist der Fall:
Sie bleiben zwei Probleme.
Ist das der Weg, den Pferdesport zu retten?
Ist es wirklich der richtige Weg, immer zuerst bei den anderen zu suchen?
Ist es der richtige Weg, Kritik grundsätzlich als Angriff zu verstehen?
Ist es der richtige Weg, Menschen mundtot machen zu wollen, weil sie unbequeme Fragen stellen?
Oder sollten wir nicht endlich wieder lernen, Kritik als Chance zu betrachten, genauer hinzuschauen?
Natürlich muss nicht jede Kritik richtig sein.
Natürlich darf und soll diskutiert werden.
Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche Wege.
Aber dort, wo Beobachtungen, fachliche Argumente und nachvollziehbare Zusammenhänge auf den Tisch kommen, sollten wir uns mit ihnen beschäftigen – anstatt sie durch Gegenangriffe wegzuwischen.
Denn am Ende sollte es im Pferdesport nicht darum gehen, wer die Diskussion gewinnt.
Nicht darum, wer recht behält.
Nicht darum, wer den anderen am besten bloßstellt.
Sondern um eine wesentlich wichtigere Frage:
Was können wir besser machen, damit unsere Pferde langfristig gesund bleiben?
Vielleicht beginnt eine wirkliche Veränderung im Pferdesport genau dort:
Nicht beim Finger, der auf die anderen zeigt.
Sondern beim Blick auf das eigene Pferd.
Auf das eigene Handeln.
Auf die eigenen Fähigkeiten.
Und auf die Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen, auch wenn es unbequem wird.
Ganzheitlich. Das sind Themen meiner Challenge
Nicht nur auf ein einzelnes Problem schauen.
Gesunderhaltend. Diese Dinge erarbeiten wir beispielsweise im Monitoringcircle
Nicht erst handeln, wenn der Schaden bereits entstanden ist.
Zusammenhänge verstehen. Dazu wird es vermehrt längere Beiträge auf meinem Youtube-Kanal geben!
Denn nur wer bereit ist hinzuschauen, Fragen zu stellen und das eigene Handeln immer wieder kritisch zu überprüfen, kann überhaupt etwas verändern.
Und genau das wäre aus meiner Sicht ein Weg, der dem Pferdesport – und vor allem unseren Pferden – wirklich helfen könnte.
Oder habe ich da etwas nicht mitbekommen?
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Ich schreibe regelmässig über Pferdeausbildung, Reiten und die Zusammenhänge dahinter – aus 35 Jahren Praxis. Wenn Dich das interessiert, trage Dich gern ein.